Die Deutsche (Luftfahrt-) Geschichte ist voller Veraenderungen, Tragiken, grosser Namen und glorreicher Erfindungen. Kaum eine andere Nation (mit
Ausnahme der USA und England vielleicht) erzeugte so viele unterschiedliche Flugzeugmuster wie Deutschland. Durch die geschichtlichen und politischen Veraenderungen gab es fast 40 Jahre lang
zwei komplett unterschiedliche Luftwaffen, die sich nicht nur ideologisch voneinander unterschieden, sondern beide waren mit komplett anderem Fluggeraet ausgeruestet. Um all dieses historische Geraet und die
technischen Errungenschaften fuer die Nachwelt zu konservieren, bedarf es einem riesigen Areal. Jahrzehntelang war das Luftwaffenmuseum in Uetersen (nordwestlich von Hamburg) ein reichhaltiger Fundus fuer so gut
wie alle Maschinen, die jemals in der Deutschen (Bundes-) Luftwaffe geflogen sind. Mit dem Zusammenbruch der DDR erhielt dieses Museum einen enormen Zuwachs an Maschinen der ehemaligen NVA-Luftflotte. Damit
waren die Kapazitaetsgrenzen des eher kleinen Museums erreicht und man musste sich um eine neue Oertlichkeit umsehen. Nach der Uebergabe des Flugplatzes Gatow durch die RAF an die Luftwaffe im Jahre
1994 war dieses Areal vorhanden, vor allem, da die Luftwaffe nicht vorhatte, diesen Platz fliegerisch zu nutzen (lediglich bis 1995 im beschraenkten Rahmen).
Der Transport der Exponate von Uetersen nach Gatow gestaltete sich schwierig (teils mit CH-53 Helikopter der Heeresflieger). Trotzdem konnte das neue LW-Museum in Berlin-Gatow bereits am 23. September 1995 mit
einer Sonderausstellung zum Thema "Zur Geschichte der militaerischen Luftfahrt in Deutschland 1886-1990" ihre Tore oeffnen. In der Zwischenzeit sind unzaehlige neue (im wahrsten Sinn des Wortes: F-4F Phantom,
Tornado, MiG-29G, uvm.) Ausstellungsstuecke dazugekommen. Zur 50 - Jahr Feier der Luftwaffe wurde eine Sonderaustellung im restaurierten Hangar 7 eroeffnet, wo unter anderem ein Sikorsky H-34G zu sehen ist, der
auch von Konrad Adenauer benutzt wurde. Das einzig erhaltene Exemplar des STOL-Versuchsflugzeug Dornier Do-29 ist ebenso zu sehen wie die
bereits erwaehnte MiG-29, welche bis vor kurzem noch in einem Shelter in Laage stand. Diese Ausstellung ist allerdings nur bis zum 31. August 2007 fuer die Oeffentlichkeit zugaenglich.
Wenn man das Museum betritt (am Ende der ehemaligen Taxiway/Runway Sued - der Eintritt ist uebrigens frei) wird man durch die Vielzahl der in Reih
und Glied aufgestellten Maschinen foermlich “erschlagen”. Die Aussenaustellung ist thematisch aufgebaut, d.h. die Flugzeuge und Helikopter sind epochal und themenbezogen zusammengestellt. Als erstes
sieht man eine Anzahl Maschinen aus den Fuenziger- und Anfang der Sechsziger Jahre. Ein besonderes Highlight stellt eine Republic RF-84F Thunderflash dar, einem taktischen Aufklaerer aus dem Jahr 1950, welcher
in einer Stueckzahl von 102 Maschinen bis 1966 in den Aufklaerungsverbaenden der Luftwaffe flog. Die Thunderflash ist eine abgewandelte Version der F-84F Thunderstreak, welche ebenfalls von der
Luftwaffe in grosser Stueckzahl geflogen wurde (450 Maschinen - eine Maschine dieses Typs ist im LW- Museum ebenso zu sehen). Eine Hawker Sea Fury sowie eine Fairey Gannett A.S.Mk4. nehmen Bezug auf die
Anfangsjahre der Deutschen Bundesmarine. Von der Gannet wurden insgesamt 16 Maschinen beschafft, darunter eine Trainerversion T.Mk5.
Direkt neben den erwaehnten Maschinen der Bundes-Luftwaffe stehen ihre Pendants der NVA-Luftflotte. Neben einer wunderschoen restaurierten
Mikoyan MiG-15UTI, welche sich im Hangar befindet, kann man auch noch eine Aero L-29 Delfin, eine Antonov An-2 Colt, eine MiG-17 F in Jagdbomberkonfiguration sowie die interessante Allwetter-Jagdversion MiG
-17PF (NATO Code: Fresco-D) im Freigelaende bewundern. Letztere verfuegt ueber ein einfaches Radar (Izumrud, auf dt.: Smaragd), welches in der oberen Nasenspitze montiert wurde. Damit verfuegt die MiG-17 PF
genauso wie ihr amerikanischer Gegenspieler, die North American F-86K Sabre ueber eine begrenzte Allwetter-Tauglichkeit. Die MiG-17PF der LSK/LV flogen im Jagdfliegergeschwader 1 “Fritz Schmenkel” (Holzdorf/Cottbus)
sowie im Jagdfliegergeschwader 9 “Heinrich Rau” (Peenemuende).
Ein besonderes “Schmankerl” ist der direkte Vergleich zweier Maschinen, deren gesamter Lebenslauf aehnlicher nicht haette sein koennen - mit dem Unterschied, dass beide sich jahrzehntelang als Feinde
gegenueberstanden. Die Rede ist von einer English Electric Canberra und einer russischen Iljushin IL-28 (NATO Code: Beagle). Beide Maschinen wurden urspruenglich als Schnellbomber entworfen, spaeter aber in
verschiedenen Rollen eingesetzt, wie z.B der Aufklaerung (die Canberra PR.Mk9 flog bis Mitte 2006) und spaeter als Zieldarsteller, bzw. Zielschleppflugzeug verwendet. Obwohl die Canberra ueber staerkere
Triebwerke verfuegte ( Canberra B.Mk6: Rolls Royce Avon RA7 Mk.109 mit ca. 32,9 kN Schub, IL-28: Klimov WK1 mit je 26,46 kN Schubkraft) und dadurch
etwas schneller und hoeher fliegen konnte, waren ihre Leistungsdaten sehr aehnlich. Innerhalb der NVA-LSK/LV wurden die IL-28 lediglich als Zieldarstellungsflugzeug eingesetzt. Interessanterweise flogen die
DDR - Beagles staendig mit voller Kanonenbewaffnung. Auch die in Gatow ausgestellte Canberra B.2 diente der Zieldarstellung. Insgesamt wurden 3 Maschinen von der RAF beschafft, welche anfangs als
Erprobungstraeger dienten, dann aber an das WTD-61 in Manching abgegeben wurden (2 Maschinen), von wo sie unter anderem zur Zieldarstellung eingesetzt wurden.
Die naechste Generation an Flugzeugen wird angefuehrt von einer ganzen Anzahl Mikoyan & Gurevich MiG-21. Von der ersten Serienversion dieses
legendaeren Jagdflugzeuges, der MiG-21 F-13 (NATO-Code: Fishbed C) ueber die doppelsitzige Trainervariante MiG-21 UM (NATO-Code: Mongol B) bis hin zur vierten Generation, der MiG-21 bis SAU (NATO-Code: Fishbed N)
ist so ziemlich jedes Modell vertreten, welches innerhalb von fast vier Jahrzehnten in der DDR flog. Die MiG-21 war der Standard-Jaeger der Warschauer Pakt Staaten bis Anfang der Achziger Jahre. Klein, schnell und
wendig war sie zu ihrer Zeit den westlichen Mustern zumindest ebenbuertig. In vielen der sogenannten “Stellvertreterkriege”, wie z.B. in Vietnam, dem Nahen Osten war sie der Gegenpart fuer die F-4F Phantoms oder die
Mirage III. Der Grund ihres eher schlechten Abschneidens bei Luftkaempfen lag weniger in ihrer technischen Unterlegenheit als an der starren, an sowjetischen Vorgaben angelehnten Einsatzdoktrin und der teilweise
schlechten Ausbildung ihrer Piolten. Ihren Erstflug hatte die MiG-21 am 16. Juni 1955 (unter der Werksbezeichnung Je-4). Bis heute wurde sie in einer Stueckzahl von (geschaetzten) 11.000 Maschinen
gebaut, bzw. nachgebaut. So wird zB. eine Chinesische Version basierend auf der MiG-21 F-13, mit der Bezeichnung Chengdu Jian-7 (Exportversion: F-7) immer noch gebaut
Einer ihrer westlichen Gegenspieler, die Lockheed F-104 Starfighter ist gleich mehrfach vorhanden, einmal sogar in einer aeusserst interessanten
Konfiguration. Anfang der Sechziger Jahre stellte man Ueberlegungen an, wie man Kampfflugzeuge trotz nicht benutzbarer, bzw. zerstoerter Startbahn bedingt einsetzen kann. Als Loesung (zumindest fuer den Start)
sah man dafuer eine Rocketdyne Booster-Rakete am Rumpf einer F-104 vor, die soviel Schub erzeugte (59.000kp), dass die Maschine von einer schraegen Rampe starten konnte. Die ersten Versuche erfolgten 1963 auf
der Edwards AFB in Kalifornien mit Ed Brown am Steuer. Aehnliche Versuche hat man allerdings schon vorher mit einer F-84G sowie einer F-100 Super Sabre erfolgreich durchgefuehrt. Die Landung sollte auf speziell
preparierten Matten mit Fanghaken erfolgen oder der Pilot sollte nach seiner Mission ueber eigenem Territorium mit dem Schleudersitz aussteigen. Obwohl die Tests vielversprechend verliefen wurde dieses
Projekt auf Eis gelegt, einmal wegen der enormen Kosten und zum anderen wegen des hohen logistischen Aufwandes. Neben der erwaehnten F-104 G ZELL (ZEro-Length-Launch) findet man in LW-Museum Berlin
-Gatow noch weitere Starfighter im Freigelaende.
Neben den allgegenwaertigen Starfighter findet man aber auch andere NATO- sowie Luftwaffenmaschinen, wie eine McDonnell Douglas RF-4E Phantom II, einige FIAT G.91, eine (brandneu eingetroffen) Dassault Mirage
III, eine Hawker Hunter, eine Dassault Super Mystere B.2 sowie eine Hawker Siddeley Harrier Gr.Mk1. Als besonderes Highlight kann man im Hangarbereich einen Panavia Tornado IDS des JaBoG 34 aus Memmingen in
Sonderlackierung sehen. Fuer unseren Geschmack aber besonders interessant sind solche Rosinen wie eine HFB 320, dem ersten Jet der nach dem II.Weltkrieg in der Bundesrepublik entworfen und in Serie gebaut
wurde. Der Erstflug des kleinen Businessjets erfolgt am 21. April 1964. Leider war die Maschine kein grosser kommerzieller Erfolg - gerade mal 45
zivile Modelle wurden gebaut. Die Bundeswehr erhielt davon 14 Exemplare, wobei die Haelfte bei der Flugbereitschaft in Koeln-Wahn stationiert war und der Rest (HFB 320 M - ECM) wurde zur Ausbildung fuer
ECM-Massnahmen umgeruestet und verrichtete bis 1994 in Lechfeld beim 3/JaBoG 32 ihre Dienst. Das Besondere an der HFB 320 waren ihre negativ gepfeilten Tragflaechen. In Berlin Gatow stehen zwei
Maschinen dieses Typs, eine ECM-Version sowie die VIP-Version der Flugbereitschaft.
Im Hangar 3 befinden sich einige wunderschoen restaurierte Exponate, wie z.B. eine Messerschmitt Me-109 G-2, eine Messerschmitt Me-163 A, eine
Yakovlev Yak-11, ein Fieseler Fi-156 C “Storch” sowie eine Buecker 181 “Bestmann”, um nur einige zu nennen. Historische Originalflugzeuge aus
dem I. Weltkrieg sind selten, deshalb sind die meisten der in Berlin-Gatow ausgestellten Modelle dieser Zeit Nachbauten. Dies tut der Faszination der kleinen Maschinen aus Sperrholz, Leinen und Spanndraht keinen Abbruch.
Eines dieser Repliken, ein nach Originalplaenen nachgebauter Siemens-Schuckert DIII Jagdeinsitzer ist eine richtige Augenweide, genauso wie der Junkers D-1. Bei letzterer handelt es sich um das allererste Flugzeug in
Ganzmetallbauweise. Die von Prof. Hugo Junkers patentierte Wellblechbauweise findet sich in vielen seiner spaeteren Flugzeuge, wie z.B der F-13, oder der legendaeren
Ju-52/3m wieder. Eines der neuesten Ausstellungsstuecke ist die Replika einer DFS 230. Dieser Lastensegler erlangte bei der Erstuermung der Festung Eben Emael im Mai 1940 Weltruhm.
Ein ganz besonderer Bereich steht dem Besucher vor dem Hangar 5 offen. Auf dem Freigelaende befinden sich ganze Batterien von Luftabwehr-Raketen aus Ost und West. Diese natuerlichen Feinde eines jeden
Militaerflugzeuges fristen in der Regel eher ein Schattendasein (zumindest in einem Flugzeugmuseum). Dem ist in Berlin-Gatow nicht so. Neben den Raketen selbst befinden sich auf dem Gelaende auch noch die
dazugehoerigen Zielsuchradarsysteme sowie (teilweise) die mobilen Feuerleitsysteme. Besonders hervorzuheben sind die russischen Systeme S-75 Wolchow (NATO-Code: SA-2 Guideline), S-125 Newa (NATO-Code: SA-3
Goa) und S-200 Vega (NATO-Code: SA-5 Gammon). Die SA-2 ist die bekannteste aller russicher SAM`s und wurde in Kuba, Vietnam und dem Nahen Osten mit Erfolg eingesetzt. Auch die SA-3 konnte einen Erfolg fuer sich verbuchen, und zwar den
Abschuss einer F-117 Nighthawk ueber Serbischem Gebiet 1999. Auch saemtliche Systeme der Bundeswehr, von der FlaRak Hawk, dem mobilen Tieffliegersystem Roland bis hin zur Nike Ajax sind vorhanden. Die Hawk
sowie das Roland-System wurden erst 2005 ausgemustert. Das interesanteste Exponat ist aber mit Sicherheit ein FuMG 65 - der beruehmte Wuerzburg-Riese. Dabei handelt es sich um eine der ersten
Deutschen Radaranlagen, welche im II. Weltkrieg zum Einsatz kamen. Die Reichweite des FuMG 65 betrug ca. 70 km.
Das Luftwaffenmuseum in Berlin-Gatow bietet eine Vielzahl von Exponaten mit dem Schwerpunkt auf die Deutsche Luftwaffe und deren Gegenpart, die NVA-Luftflotte. Das Freigelaende ist gespickt mit unzaehligen Maschinen. Einige wunderschoen restaurierte Flugzeuge aber auch 1:1 Repliken kann man in den Hangars besichtigen. Bedauerlich ist nur, dass viele der ausgestellten Flugzeuge auf dem Freigelaende sehr stark durch die Witterung in Mitleidenschaft gezogen werden, dies ist allerdings ein Tribut dafuer, dass man diese Maschinen wenn schon nicht in der Luft, so zumindest auf einem Rollfeld besichtigen kann. Ein Besuch dieses Museums ist fuer einen Flugzeugfan und Luftfahrtenthusiasten fast schon Pflicht. Es lohnt sich auch durchaus in regelmaessigen Abstaenden vorbeizuschauen, da sich dort immer etwas tut. Wir werden dort auf alle Faelle bald wieder sein und Ihnen , sofern sich etwas Neues ergeben hat, auch darueber berichten.
Robert Kysela








